Furnier Podcast mit Tobias Scherg
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Podcast anhören | Oliver Smart & Tobias Scherg | Die wichtigsten Themen | Furnierwissen | FAQ | Transkript
Furnier – die Königsklasse der Holznutzung?
Im HOLZCHÖPF Podcast spricht Oliver Smart von der Holzplatten AG mit Tobias Scherg, Geschäftsleiter der Roser AG über Furnier, Rundholzeinkauf, besondere Holzarten, internationale Projekte und die Zukunft der Holzbranche.
Wie erkennt man einen hochwertigen Furnierstamm? Warum kann aus einem Kubikmeter Holz eine Fläche von bis zu 1'000 m² Furnier entstehen? Und welche Geschichte steckt hinter einer 3'500 Jahre alten Mooreiche?
In der neuen Folge von HOLZCHÖPF gibt Tobias Scherg Einblicke in eine Welt, in der Erfahrung, internationale Netzwerke und die Leidenschaft für den natürlichen Werkstoff Holz entscheidend sind.
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Hören Sie die Podcastfolge mit Oliver Smart, CEO Holzplatten AG und Tobias Scherg, CEO der Roser AG, auf Ihrer bevorzugten Podcast-Plattform.
Dauer: ca. 38 Minuten
Thema: Furnier, Rundholzeinkauf, Holzbeschaffung, Architektur und Unternehmertum
Die Gesprächspartner

Oliver Smart
Geschäftsleiter Holzplatten AG
Oliver Smart ist Gastgeber des Podcasts HOLZCHÖPF der Holzplatten AG. In der Podcastreihe spricht er mit Persönlichkeiten aus der Schweizer Holzbranche über ihre Arbeit sowie über Chancen und Herausforderungen der Branche.

Tobias Scherg
Geschäftsleiter Roser AG
Tobias Scherg ist gelernter Schreiner und seit rund 20 Jahren bei der Roser AG tätig. Ursprünglich stammt er aus dem Spessart bei Frankfurt. Nach verschiedenen Weiterbildungen und einem Studium in Rosenheim führte ihn seine Leidenschaft für Holz und Furnier zur Roser AG nach Birsfelden.
Bis heute gehört Furnier zu seinen persönlichen Steckenpferden – vom Rundholzeinkauf über die Beurteilung besonderer Stämme bis hin zu internationalen Architekturprojekten.
Darum geht es in dieser Podcastfolge

Von der Stammauswahl bis zum fertigen Furnier
Rundholzeinkauf
Wie erkennt man, ob aus einem Baum ein hochwertiges Furnier entstehen kann? Tobias Scherg erklärt, weshalb Erfahrung, Jahrringe, Wuchs, Durchmesser und selbst kleinste Hinweise unter der Rinde entscheidend sein können.
Furnierherstellung
Ein Stamm wird entrindet, aufgetrennt und durch Kochen beziehungsweise Dämpfen auf den Messerprozess vorbereitet. Anschliessend werden Blatt für Blatt dünne Furniere abgetrennt.
Effiziente Holznutzung
Bei einer Furnierstärke von 0,6 Millimetern können aus einem Kubikmeter Holz bis zu ungefähr 1'000 m² Furnier entstehen. Gleichzeitig lässt sich ein sehr grosser Teil des Stammes sinnvoll nutzen.
Besondere Hölzer
Vom amerikanischen Nussbaum über Riegelahorn bis zur jahrtausendealten Mooreiche: Jeder Stamm bringt seine eigene Optik und Geschichte mit.
Internationale Projekte
Furniere der Roser AG finden ihren Weg unter anderem in hochwertige Yachtinterieurs, Businessjets und internationale Architekturprojekte.
Zukunft der Holzbranche
Technische Anwendungen, Nachwuchsförderung, internationale Handelshemmnisse und neue Einsatzmöglichkeiten zeigen, dass sich die Furnierbranche weiterhin stark verändert.
Vom Wald bis ins Architekturprojekt


Furnierkompetenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette
Die Roser AG begleitet Furnier weit über den reinen Handel hinaus.
- Rundholz auswählen
Geeignete Stämme werden auf Submissionen und über ein internationales Netzwerk gesucht und beurteilt. - Furnier produzieren
Als werksfreier Produzent arbeitet Roser mit spezialisierten Furnierwerken und Produktionspartnern zusammen. - Furnier sortieren und digitalisieren
Mit dem Veneer Imager werden Furnierpakete digital erfasst und klassifiziert. So können passende Stämme später gezielt für Projekte ausgewählt werden. - Architekten und Planer beraten
Passende Furniere werden anhand von Dimension, Menge, Erscheinungsbild und Projektanforderungen ausgewählt. - Furnier weiterverarbeiten
Je nach Projekt können Furniere mit Holzwerkstoffen und technischen Anforderungen wie Akustik, Brandschutz oder Schallschutz kombiniert werden.
FAQ – Fragen rund um Furnier
Furnier ist vereinfacht gesagt ein dünnes, spanlos vom Baumstamm abgetrenntes Holzblatt. Die einzelnen Blätter werden durch Messern oder Schälen des vorbereiteten Holzes gewonnen.
Der ausgewählte Baumstamm wird im Furnierwerk zunächst entrindet und aufgetrennt. Anschliessend wird das Holz gekocht beziehungsweise gedämpft, damit es für den Messerprozess weich genug ist. Danach werden dünne Furnierblätter vom Holzblock abgetrennt.
Aus einem Kubikmeter geeignetem Rundholz können bei einer Furnierstärke von etwa 0,6 Millimetern bis zu ungefähr 1'000 m² Furnier entstehen. Auch optisch weniger perfekte Furniere können beispielsweise für Rückseiten verwendet werden. Restmaterial kann ebenfalls weiterverwertet werden.
Bei der Beurteilung spielen unter anderem Geradlinigkeit, Durchmesser, Länge, Jahrringe, Lage des Herzens, Äste und holzartspezifische Merkmale eine Rolle. Ein grosser Teil der Beurteilung basiert auf langjähriger Erfahrung.
Eine Wertholzsubmission ist ein Verfahren, bei dem hochwertige Baumstämme angeboten und von Interessenten beurteilt werden. Anschliessend geben die Käufer verdeckte Gebote für die gewünschten Stämme ab.
Viele Bäume werden gefällt, wenn sie sich in der Vegetationsruhe befinden. Deshalb beginnt die wichtige Zeit für Wertholzsubmissionen und den Rundholzeinkauf häufig im Herbst beziehungsweise Winter.
Mooreiche ist Eichenholz, das über sehr lange Zeiträume beispielsweise in ehemaligen Gewässern, Mooren oder Kiesgruben erhalten geblieben ist. Im Podcast berichtet Tobias Scherg unter anderem von einer rund 3'500 Jahre alten Mooreiche, die zu Furnier verarbeitet wurde.
Furnier wird unter anderem im Möbel- und Innenausbau, für Türen und Paneele sowie in besonders hochwertigen Anwendungen wie Yachtinterieurs und Businessjets eingesetzt.
Podcast-Transkript
Ansagerin:
Der folgende Podcast wird präsentiert von der Holzplatten AG, Ihrer Partnerin für Holzwerkstoffe, Türen und Bodenbeläge.
Oliver Smart:
Hallo zusammen und herzlich willkommen bei HOLZCHÖPF, dem Podcast für die Schweizer Holzbranche. Hier erzählen spannende Persönlichkeiten, wer sie sind, wo sie arbeiten und welche Chancen und Herausforderungen sie für unsere Branche heute und in Zukunft sehen.
Mein Name ist Oliver Smart von der Holzplatten AG. Mein heutiger Gast ist Tobias Scherg, Geschäftsleiter der Roser AG. Er führt uns heute ins Herz des Holzes und erklärt uns, wie ein Stamm richtig aufgetrennt wird, damit daraus Furnier entstehen kann.
Tobias, herzlich willkommen zu unserem Gespräch.
Tobias Scherg:
Ganz herzlichen Dank. Vielen Dank, dass ich dabei sein darf, und herzlich willkommen bei uns in Birsfelden bei Basel.
Oliver Smart:
Tobi, damit unsere Zuhörerinnen und Zuhörer wissen, mit wem ich heute spreche: Wer bist du?
Tobias Scherg:
Ich bin Tobias Scherg und mittlerweile seit 20 Jahren bei der Firma Roser in Basel beziehungsweise Birsfelden tätig.
Ursprünglich komme ich aus dem Spessart, südlich von Frankfurt. Ich bin gelernter Schreiner und im Herzen bis heute ein holzliebender Schreiner geblieben. Danach habe ich verschiedene Weiterbildungen absolviert, in Rosenheim studiert und später noch einen Master gemacht.
Die Basis war aber immer das Holz und das Schreinerhandwerk. Vor 20 Jahren bin ich zur Firma Roser und damit in die Furnierbranche gekommen, weil Furnier schon damals mein Steckenpferd war – und es bis heute geblieben ist.
Oliver Smart:
Warum gerade Furnier?
Tobias Scherg:
Man sagt, die Furnierbranche sei die Königsklasse der Holznutzung. Es ist wirklich ein unglaublich spannendes Thema.
Als Schreiner dachte ich zunächst, ich wüsste bereits sehr viel über Holz. Dann begann ich in einem Furnierbetrieb im Spessart zu arbeiten und plötzlich begegneten mir Holzarten, mit denen ich vorher noch nie zu tun gehabt hatte. Gleichzeitig kamen Kunden aus der ganzen Welt. Das war spannend und völlig neu für mich.
Diese Erfahrungen haben mich bis heute geprägt. Das gesamte Thema Holz und Furnier fasziniert mich nach wie vor.
Oliver Smart:
Wie bist du zur Firma Roser gekommen? Was ist deine Geschichte?
Tobias Scherg:
Das ist ebenfalls interessant, denn die Furnierbranche ist relativ klein und international sehr gut vernetzt. Ob jemand aus Indien, Portugal, Spanien, Japan oder Australien kommt – viele kennen sich untereinander und hatten irgendwann bereits miteinander zu tun.
Auch mit der Firma Roser hatte mein damaliges Umfeld bereits Geschäftsbeziehungen. Ein Kollege, mit dem ich zusammengearbeitet hatte, sagte zu mir: «Das ist eine tolle Firma in der Schweiz. Die machen sehr hochwertige Sachen.»
Ich wollte ohnehin noch einmal ins Ausland und dachte mir: Ein Jahr in der Schweiz macht sich gut im Lebenslauf.
Aus diesem einen Jahr sind inzwischen 20 Jahre geworden – und es macht sich immer noch gut im Lebenslauf. Vor allem macht mir die Arbeit nach wie vor sehr viel Freude. Es ist ein grossartiger Beruf.
Oliver Smart:
Wenn du heute mit der Situation vor 20 Jahren vergleichst: Was hat sich am stärksten verändert?
Tobias Scherg:
Es verändert sich ständig etwas, und das ist grundsätzlich auch gut so.
Die Beschaffung der Hölzer war früher sicherlich einfacher. Dafür gab es mehr Konkurrenz. Über die Jahre hat sich der Markt etwas bereinigt. Die guten Unternehmen sind geblieben, während viele kurzfristig orientierte Anbieter wieder verschwunden sind.
Menschen kommen und gehen, aber gerade in der Furnierbranche gibt es sehr viele langjährige Beziehungen. Aus vielen geschäftlichen Kontakten sind Freundschaften entstanden. Das schätze ich sehr.
Oliver Smart:
Du hast verschiedene Länder angesprochen. Bist du viel unterwegs? Wie kann man sich deinen Arbeitsalltag vorstellen?
Tobias Scherg:
Wir reisen hauptsächlich im Winter. Die Bäume werden in der Regel gefällt, wenn sie ruhen – also nachdem die Blätter gefallen sind und der Saftstrom zurückgegangen ist.
Ab Oktober oder November beginnen die sogenannten Wertholzsubmissionen. Dabei handelt es sich um verdeckte Gebotsverfahren. Wir erhalten beispielsweise von Forstämtern in der Slowakei, Deutschland oder der Schweiz Listen mit den besten Stämmen aus den jeweiligen Revieren.
Dann fahren wir dorthin und haben häufig ungefähr eine Woche Zeit, um die Stämme anzuschauen und zu bewerten. Anschliessend fahren wir zurück und geben einmalig unser Gebot ab. Danach erhalten wir entweder den Zuschlag oder eben nicht.
Man ist also viel unterwegs. Es gibt Enttäuschungen und ebenso viel Freude.
Natürlich freut man sich zunächst, wenn man den Zuschlag für einen Stamm erhält. Die nächste Enttäuschung kann aber bereits im Furnierwerk kommen, wenn der Stamm aufgesägt wird und im Inneren weniger schön aussieht, als man von aussen erwartet hatte.
Genau das macht diesen Beruf aber aus. Man macht im Laufe der Jahre viele Fehler – und die Summe dieser Erfahrungen nennt man irgendwann Expertise.
Mit einzelnen Stämmen verbindet man später richtige Geschichten. Man weiss noch genau, wo man ihn gekauft hat, dass es an diesem Tag geschneit hat oder dass man danach seinen Flug verpasst hat. Und am Ende ist vielleicht etwas unglaublich Schönes daraus entstanden.
Da kommen mit der Zeit viele tolle Anekdoten zusammen.
Oliver Smart:
Du kannst also zu vielen Hölzern, die du verkaufst, eine Geschichte erzählen.
Tobias Scherg:
Ja, wir verkaufen gewissermassen auch Geschichten.
Besonders schön ist es, wenn wir direkt mit der Bauherrschaft oder mit Architekten zusammenarbeiten, die solche Geschichten ebenfalls wertschätzen.
Dann können wir beispielsweise erzählen: Dieser Stamm wurde in Polen in einer alten Kiesgrube entdeckt. Es handelt sich um eine rund 3'500 Jahre alte Mooreiche. Daraus haben wir Furnier hergestellt, das später für ein besonderes Hotelprojekt verwendet wurde.
Wenn Kunden diese Herkunft und die Geschichte des Materials wertschätzen, macht mir das sehr viel Freude.
Oliver Smart:
Wir sind bereits tief ins Thema Furnier eingestiegen. Du bist aber Geschäftsleiter der Roser AG. Erzähl uns zunächst etwas über das Unternehmen. Was ist die Roser AG heute und was macht ihr?
Tobias Scherg:
Die Roser AG ist über 100 Jahre alt. Das Unternehmen wurde 1911 als kleine Schreinerei gegründet.
Karl Friedrich Roser, der Firmengründer, erkannte relativ früh, dass auch der Handel interessant sein kann. So begann das Unternehmen mit dem Handel von Platten und später mit der Furnierproduktion. Damals gab es in der Schweiz noch vier oder fünf Furnierwerke.
Das Unternehmen wuchs kontinuierlich. 1946 traten die drei Söhne in den Betrieb ein. Das Furniergeschäft entwickelte sich damals stark und Roser exportierte Furniere international, beispielsweise an Unternehmen wie Steinway oder Rolls-Royce.
Später kamen Holzwerkstoffe wie Spanplatten und MDF hinzu – also alles, was Schreiner für ihre tägliche Arbeit benötigen. So entwickelte sich Roser zu einem Vollsortimenter für Schreiner und Innenausbauer.
Furnier blieb jedoch immer unser besonderes Steckenpferd und damit auch ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber vielen Mitbewerbern.
2003 war ein weiteres wichtiges Jahr. Die Familie Roser entschied sich für einen Neubau. Zuvor befand sich die Firma mitten in der Basler Innenstadt, verteilt auf fünf Stockwerke und direkt neben einem Polizeiposten.
Ich selbst kenne diesen Standort nicht mehr, weil ich erst 2006 zu Roser gekommen bin. Da waren wir bereits im heutigen Neubau in Birsfelden.
Der Standort ist hervorragend erreichbar, liegt nahe an der Autobahn und gleichzeitig nahe an der Stadt. Architekten können für eine Beratung sogar mit dem Velo zu uns kommen. Von hier aus bedienen wir unsere Schreinerkunden.
Neben Furnier führen wir heute unter anderem Parkett, Türen und Terrassen. Hinzu kommen kombinierte Projekte, bei denen wir Holzwerkstoffe und Furniere mit funktionalen Anforderungen verbinden.
Akustik, Brandschutz und Schallschutz sind beispielsweise grosse Themen.
Wir beraten Architekten so, dass sie bei einem Projekt – sei es ein Hotel, ein Kindergarten, ein Schulhaus oder ein anderes Gebäude – sehr viele Themen über uns abdecken können.
Dabei übernehmen wir auch Verantwortung dafür, dass das Resultat am Ende so aussieht, wie es ursprünglich geplant wurde.
Oliver Smart:
Das heisst, im Innenausbau könnt ihr sehr viele sichtbare Oberflächen und gleichzeitig auch technische Anforderungen abdecken?
Tobias Scherg:
Richtig. Und zusätzlich können wir die Geschichte hinter den Materialien erzählen.
Oliver Smart:
Wie verteilen sich eure verschiedenen Geschäftsbereiche heute? Ihr habt Holzwerkstoffe und Furnier, dazu Projekte und mit WoodUpp noch einen weiteren Bereich.
Tobias Scherg:
Das hängt etwas von der Betrachtungsweise ab.
Als werksfreier Furnierproduzent übernehmen wir sehr viel Verantwortung – von der Rundholzbeschaffung über die Produktion bis zur gesamten vor- und nachgelagerten Abwicklung. Entsprechend muss dort natürlich auch ein anderer Deckungsbeitrag erzielt werden, als wenn wir eine Spanplatte einkaufen und weiterverkaufen.
Aber wir benötigen alle Bereiche.
In Zahlen würde ich ungefähr sagen: 55 bis 60 Prozent Holzwerkstoffe und etwa 30 bis 35 Prozent Furnier. Hinzu kommen die Projektbereiche und WoodUpp.ch, unser Onlineshop für Akustikpaneele.
Wir überlegen laufend, wie wir uns diversifizieren können. Wenn wir ausschliesslich Parkett oder ausschliesslich Furnier verkaufen würden, wäre das unternehmerische Risiko wesentlich grösser.
Gleichzeitig hat diese Breite einen grossen Vorteil für Architekten und Planer. Wenn sie bei uns im Haus sind, können sie mit einem Besuch zahlreiche Bereiche abdecken. Wir können über Parkett, Furnier, Akustik oder Türen in ein Projekt einsteigen.
Oliver Smart:
Euer Ziel ist also, grundsätzlich eine Anlaufstelle für Projekte zu sein?
Tobias Scherg:
Ja, das muss unser Ziel sein.
Natürlich müssen wir anschliessend auch einen guten Job machen. Ein Projekt zu gewinnen, ist das eine. Viel wichtiger ist aber, dass der Kunde am Ende sagt: «Das hat hervorragend funktioniert. Wir haben noch zwei weitere Projekte in der Pipeline und würden diese gerne wieder mit euch umsetzen.»
Dann hat man vieles richtig gemacht.
Oliver Smart:
Damit hast du bereits eine gute Grundlage geschaffen. Ich wollte heute mit dir vor allem über Furnier sprechen. Fangen wir deshalb ganz grundsätzlich an: Was ist Furnier eigentlich?
Tobias Scherg:
Das ist eine gute Frage.
Wenn mich Menschen fragen, was wir machen, sage ich häufig: Unser Steckenpferd ist Furnier. Dann kommt aber oft direkt die Frage: Was ist Furnier eigentlich?
Im Englischen heisst es «veneer». Dort kennt man den Begriff teilweise auch von den keramischen Verblendschalen für Zähne.
Holzfurnier ist vereinfacht gesagt ein spanlos vom Stamm abgetrenntes Holzblatt. Zolltariflich liegt die Definition meines Wissens bei einer Dicke von weniger als zwei Millimetern.
Für mich ist Furnier eine der ökonomischsten und ökologischsten Arten der Holznutzung.
Wir kaufen einen Stamm im Wald. Dieser kommt ins Furnierwerk, wird entrindet und entsprechend aufgetrennt. Anschliessend wird das Holz gekocht beziehungsweise gedämpft, damit es weich genug für den Messerprozess wird.
Mit grossen Maschinen werden dann im Millimeterbereich Blatt für Blatt vom Holzblock abgetrennt.
Bei einer üblichen Furnierstärke von 0,6 Millimetern können wir aus einem Kubikmeter Holz bis zu ungefähr 1'000 Quadratmeter Furnier gewinnen.
Wir hatten bereits Stämme mit sechs, sieben oder acht Kubikmetern Volumen. Daraus können entsprechend 6'000 bis 8'000 Quadratmeter Rohfurnier entstehen.
Das ist beeindruckend.
Oliver Smart:
Und genau das macht Furnier wahrscheinlich auch so spannend.
Tobias Scherg:
Absolut. Natürlich ist es ähnlich wie beim Metzger: Wenn ein Schwein zerlegt wird, besteht es nicht ausschliesslich aus Filet.
Wir versuchen natürlich, möglichst schöne Bäume zu kaufen. Trotzdem erlebt man beim Öffnen eines Stammes gelegentlich Enttäuschungen.
Das Schöne ist aber: Für fast alles gibt es eine Verwendung.
Bei furnierten Platten müssen beispielsweise beide Seiten belegt werden, damit sich die Platte aufgrund unterschiedlicher Zugkräfte nicht verzieht. Bei einer Wandverkleidung ist häufig nur eine Seite sichtbar. Auf der Rückseite kann deshalb Furnier eingesetzt werden, das optisch weniger hochwertig sein muss.
Auch aus Resten lassen sich viele sinnvolle Produkte herstellen.
Es entsteht praktisch kein Abfall. Was am Ende tatsächlich nicht mehr anders genutzt werden kann, lässt sich beispielsweise zu Pellets verarbeiten oder thermisch verwerten.
Furnier ist deshalb eine sehr effiziente Art der Holznutzung.
Oliver Smart:
Die Geschichte der Roser AG begann vor über 100 Jahren und Furnier spielte schon früh eine Rolle. Damals gab es mehrere Furnierproduzenten in der Schweiz. Wie sieht es heute aus? Gibt es noch Schweizer Furnierwerke?
Tobias Scherg:
Leider nicht mehr. Das finde ich wirklich schade.
Das letzte Furnierwerk, das noch gearbeitet hat, war meines Wissens Hess in Kleindöttingen. Dort wurden allerdings hauptsächlich Schälfurniere für die Industrie hergestellt.
Hochwertige Messerfurniere wurden früher unter anderem in Lengwil, Zürich, Rohrbach und Rheinfelden produziert.
Viele dieser Furnierwerke lagen irgendwann mitten in Stadt- oder Dorfzentren, weil die Orte rund um die Betriebe gewachsen waren.
Furnierproduktion ist ausserdem energie- und personalintensiv und beinhaltet sehr viel Handarbeit. Im Laufe der Jahre ist deshalb ein grosser Teil der Produktion nach Osteuropa abgewandert.
Für uns bedeutet das heute längere Wege. Wir müssen fliegen oder weite Strecken mit dem Auto fahren, um unser Holz produzieren zu lassen.
Das finde ich sehr schade.
Oliver Smart:
Wenn ich dich richtig verstehe, kann es damit auch kein Furnier mit der Klassifizierung Schweizer Holz geben?
Tobias Scherg:
Aktuell ist das tatsächlich ein Problem.
Wir setzen uns unter anderem mit Lignum und dem BAFU dafür ein, dass Schweizer Stämme zur reinen Verarbeitung in ein ausländisches Furnierwerk gebracht werden können, ohne dadurch ihre Einstufung als Schweizer Holz zu verlieren.
Meiner Meinung nach müsste das möglich sein.
Ein Baum wächst vielleicht 100 Jahre oder länger in der Schweiz und wird anschliessend lediglich für zwei Wochen nach Slowenien oder Kroatien gebracht, um dort zu Furnier verarbeitet zu werden. Danach gilt das Material jedoch nicht mehr entsprechend als Schweizer Holz.
Das kann ich nur schwer nachvollziehen.
Oliver Smart:
Vor allem, weil die entsprechende Industrie in der Schweiz gar nicht mehr vorhanden ist.
Tobias Scherg:
Richtig.
Oliver Smart:
Du bist auch im Furnierverband tätig. Gibt es Bestrebungen, wieder ein Furnierwerk in der Schweiz aufzubauen?
Tobias Scherg:
Die nostalgische Vorstellung ist natürlich schön. Auch ich hätte sehr gerne wieder ein Furnierwerk in der Schweiz.
Wir haben tatsächlich schon einmal überschlägig gerechnet, was dafür notwendig wäre. Die Investitionen sind jedoch sehr hoch.
Ein solches Werk müsste mindestens im Zweischichtbetrieb und vor allem ganzjährig ausgelastet werden.
Unsere Holzsaison läuft ungefähr von Oktober bis April. Für einen ganzjährigen Betrieb bräuchten wir deshalb sehr viele Partner, die kontinuierlich Rohmaterial zur Verfügung stellen.
Aus diesen Gründen ist ein eigenes Furnierwerk in der Schweiz für uns aktuell leider kein realistisches Thema.
Oliver Smart:
Wo findet die Furnierproduktion heute hauptsächlich statt?
Tobias Scherg:
Viele namhafte Furnierhersteller sitzen heute in Kroatien und Slowenien. Auch in Deutschland gibt es noch einige wenige Produzenten.
Viele dieser Unternehmen produzieren allerdings für ihr eigenes Geschäft. Wir können unsere Stämme deshalb nicht einfach überall zur Lohnproduktion hinschicken.
Wir sind ein werksfreier Produzent und benötigen verlässliche Produktionspartnerschaften.
Dafür schliessen wir Vereinbarungen und verpflichten uns beispielsweise, dem Produktionspartner über das Jahr bestimmte Mengen zur Verarbeitung zu liefern.
Mittlerweile gibt es teilweise sogar Modelle, bei denen höhere Kosten entstehen, wenn man nur während der Wintersaison produziert und im Sommer keine Mengen liefert. Die Furnierwerke wollen ihre Anlagen verständlicherweise ganzjährig auslasten.
Die Produktionskapazitäten sind in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen.
Gleichzeitig sind Ersatzprodukte wie Kunststofffolien deutlich stärker geworden. Wir können dagegen mit dem Originalmaterial Holz, mit Wohngesundheit und mit dem natürlichen Wohlgefühl punkten.
Aber die Konkurrenz durch Substitute ist zweifellos gross.
Oliver Smart:
Du hast erklärt, dass du auf Submissionen unterwegs bist. Ganz einfach gefragt: Wie findet man den perfekten Stamm?
Tobias Scherg:
Das würde ich selbst gerne wissen. Einen Kurs dazu würde ich sofort besuchen.
Ein entscheidender Faktor ist das Netzwerk.
Neben Submissionen gibt es zahlreiche andere Möglichkeiten, gute Stämme zu finden. Entscheidend sind Partnerschaften und Freundschaften, die über viele Jahre entstehen.
Vielleicht ruft ein Sägewerk an und sagt: «Ich habe hier etwas sehr Schönes gesehen. Das ist zufällig bei mir gelandet – komm doch einmal vorbei.»
Oder ein Partner sagt: «Du bist zuverlässig und bezahlst deine Rechnungen. Wenn ich etwas Besonderes sehe, rufe ich dich als Erstes an.»
Solche Beziehungen sind enorm wichtig.
Natürlich bedeutet das auch, dass man viel unterwegs ist und gelegentlich drei oder vier Tage inklusive Wochenende auf Reisen verbringt.
Neben dem Geschäftlichen erlebt man dabei aber auch sehr schöne Dinge. Davon zehrt man.
Oliver Smart:
Das persönliche Netzwerk rund um das Geschäft gehört also ebenfalls dazu.
Tobias Scherg:
Unbedingt. Es macht schliesslich keinen Spass, jeden Abend alleine im Hotelzimmer zu sitzen.
Ausserdem entstehen ständig Synergien.
Es gibt Unternehmen, bei denen ich früher Rundholz gekauft habe und die heute auf einer ganz anderen Ebene Türen oder Parkett bei uns beziehen.
Die Beziehungen verändern sich ständig.
Internationaler Furnierhandel und unterschiedliche Geschmäcker
Oliver Smart:
Konzentriert ihr euch beim Furnier heute hauptsächlich auf Schweizer Kunden oder seid ihr nach wie vor international tätig?
Tobias Scherg:
Das hat sich stark verändert.
Corona hat unter anderem dazu beigetragen, dass unser Exportgeschäft zurückgegangen ist.
Noch stärker wirken aber verschiedene Handelshemmnisse und bestimmte Gestaltungstrends.
Wir führen mehr als 100 Holzarten. Es wäre schön, wenn diese Vielfalt auch entsprechend genutzt würde. Aktuell dominiert aber sehr stark ein Thema: Eiche, Eiche und nochmals Eiche.
Früher haben wir im Furniergeschäft ungefähr 70 Prozent exportiert.
Wir lieferten viel nach Indien, Dubai und China. Die Anforderungen dieser Märkte unterscheiden sich teilweise stark von denen in der Schweiz.
In Dubai, China oder früher auch Russland kann beispielsweise ein stark geriegelter Ahorn sehr gefragt sein. Bei uns soll es dagegen häufig möglichst ruhig, schlicht und oft Eiche sein.
Es hängt stark von der jeweiligen Kultur und dem persönlichen Geschmack ab.
Wir hatten beispielsweise einmal einen brasilianischen Kunden, der sagte, für ihn komme nur heimisches Holz infrage und er wolle unbedingt Sucupira in seinem Haus.
Die Frage ist also immer: Was bedeutet «heimisch» für die jeweilige Person?
Oliver Smart:
Und welche Materialien kennt sie aus ihrer eigenen Vergangenheit?
Tobias Scherg:
Genau. Welche Emotionen verbinde ich mit meiner Kindheit? Vielleicht ist für jemanden Sucupira genau das Holz, das sich nach Zuhause anfühlt.
Oliver Smart:
Das habe ich auch in Südostasien erlebt. In Vietnam findet man beispielsweise schwere, dunkle Einrichtungen, bei denen der chinesische Einfluss deutlich sichtbar ist.
Menschen richten sich häufig so ein, wie es ihrer eigenen Vorstellung von Behaglichkeit entspricht.
Aber ohne dein gesamtes Geheimrezept zu verraten: Worauf achtest du konkret, wenn du einen Stamm beurteilst?
Tobias Scherg:
Man muss sich zunächst vorstellen, dass wir diesen Stamm später in Scheiben von vielleicht 0,6 oder 0,9 Millimetern schneiden.
Ich muss also versuchen, gedanklich in den Stamm hineinzuschauen.
Wenn ein Stamm bereits wie eine Banane gekrümmt daliegt, weiss ich, dass er für bestimmte Anwendungen ungeeignet ist.
Er sollte möglichst gerade und sauber gewachsen sein.
An den Stirnseiten schaue ich mir unter anderem die Jahrringe an. Das Herz sollte möglichst mittig liegen. Gleichzeitig versuche ich zu erkennen, ob sich unter der Rinde Äste befinden.
Bei Eiche können sich beispielsweise sogenannte Rosen unter der Rinde verbergen. Auch amerikanischer Nussbaum hat seine Besonderheiten.
Jede Holzart besitzt ihre eigenen Tücken.
Bei Nadelhölzern können Harzgallen auftreten. Bei einer Zeder erkennt man manche Probleme beispielsweise erst richtig, nachdem sie entrindet wurde.
Mit der Zeit entwickelt man dafür Erfahrung.
Trotzdem würde ich nicht behaupten, jede Holzart beurteilen zu können. Ich könnte nicht einfach nach Belize fliegen und dort Ziricote einkaufen, wenn mir dafür die Erfahrung fehlt.
Aber ich kenne wiederum Menschen, die solche Hölzer regelmässig einkaufen. Wenn das Material plötzlich stark gefragt wäre, würde ich gemeinsam mit diesen Fachleuten hinfahren und eine Partie beurteilen.
Für mich sind auch die Dimensionen wichtig.
Wir benötigen starkes Holz, häufig mindestens 60 bis 70 Zentimeter Durchmesser. Auch die geradschäftige Länge sollte möglichst mindestens drei Meter betragen.
Unsere Kunden fertigen daraus schliesslich Türen, Paneele, hochwertige Ladeneinrichtungen für Uhrengeschäfte und viele andere Anwendungen.
Furnier für Yachten und Businessjets.
Oliver Smart:
Wie häufig gehst du aufgrund eines konkreten Projekts gezielt auf die Suche nach einem bestimmten Stamm? Kommt beispielsweise ein Innenarchitekt zu dir und sagt: Wir benötigen für ein grosses Projekt unbedingt Zebrano?
Tobias Scherg:
Das kommt häufig vor.
Wir haben beispielsweise dauerhafte Anforderungen aus der Luftfahrtindustrie.
Unternehmen wie Gulfstream oder Bombardier haben Programme für ihre Businessjets. Dort wird beispielsweise amerikanischer Nussbaum gesucht, der optisch beinahe wie mit dem Pinsel gezogen aussieht.
Wenn wir die Möglichkeit haben, einen entsprechenden Stamm zu kaufen, tun wir das.
Ähnlich ist es in der Yachtindustrie.
Designer kommen teilweise mit einem kleinen A4-Muster oder sogar noch kleineren Mustern zu uns und sagen sinngemäss: «Wir haben hier das Main Deck einer sehr hochwertigen Yacht. Wir benötigen 500 Quadratmeter, und das Furnier muss genau so aussehen.»
Dann beginnt für uns die Suche.
Oliver Smart:
Wie oft hast du dein eigenes Furnier später auf professionellen Projektfotos gesehen?
Tobias Scherg:
Natürlich macht es einen stolz, wenn man weiss, dass man an einem solchen Projekt beteiligt war.
Häufig bekommt man das fertige Ergebnis allerdings gar nicht zu sehen.
Bei hochwertigen Projekten sind oft Designer oder Vertreter der Bauherrschaft involviert, und teilweise müssen wir Vertraulichkeitsvereinbarungen unterschreiben. Dann dürfen wir ein Projekt leider nicht veröffentlichen.
Das ist manchmal schade, denn dort entsteht teilweise aussergewöhnliche Handwerkskunst.
Eigentlich müsste man fast von Künstlern statt von Handwerkern sprechen. Es entstehen unglaublich schöne Arbeiten.
Oliver Smart:
Wo liegen die Grenzen von Furnier? Was ist damit nicht möglich?
Tobias Scherg:
Das ist gerade das Spannende: Was ist eigentlich nicht möglich?
Die Technologie hat sich so stark weiterentwickelt, dass Furnier heute in Bereichen eingesetzt wird, die früher kaum denkbar gewesen wären.
Ein Beispiel ist eine Kreditkarte aus Holz.
Es gibt auch Forschungsprojekte, bei denen Holz im Weltraum getestet wird. Ein erster Versuchskörper beziehungsweise Satellit soll ins All gebracht werden, um zu untersuchen, wie sich Holz dort verhält.
Hintergrund ist unter anderem die Frage, welche Materialien beim Wiedereintritt beziehungsweise beim Verglühen von Satelliten in der Atmosphäre entstehen. Bei Aluminium gibt es beispielsweise entsprechende Belastungen.
Wir dürfen bei solchen Forschungsprojekten teilweise ein wenig mitwirken, unter anderem im Umfeld der ETH, in Höhere Fachschule Holz Biel oder zusammen mit Swiss Wood Solutions.
Dabei können wir beobachten, welche neuen Möglichkeiten mit Holz entstehen.
Oliver Smart:
Welche Holzart soll dabei ins All geschickt werden?
Tobias Scherg:
Ich meine, es handelt sich um Ahorn aus der Schweiz, möglicherweise aus Luzern oder dem Appenzell.
Das Holz wird natürlich speziell bearbeitet.
Ich bin überzeugt, dass man von diesem Thema noch hören wird.
Oliver Smart:
Du hast die technologische Entwicklung angesprochen. Gibt es auch beim Rundholzeinkauf neue Technologien?
Kann man heute beispielsweise einen Stamm auf einer Submission mit einem 3D-Scanner untersuchen oder bestimmte Eigenschaften messen? Oder basiert die Entscheidung nach wie vor hauptsächlich auf deiner Erfahrung?
Tobias Scherg:
Wenn man beispielsweise in der Normandie Holz kauft, weiss man, dass man mit Metall im Stamm rechnen muss. Dort ist ein Metalldetektor durchaus sinnvoll.
Solche Geräte gibt es natürlich.
In Furnierwerken wurde auch bereits versucht, Stämme ähnlich wie mit einem Computertomografen zu scannen.
Beim praktischen Holzeinkauf draussen ist aber nach wie vor sehr viel Erfahrung gefragt.
Manchmal muss man erst einmal eine Stunde lang Schnee von einem Stamm entfernen, bevor man ihn überhaupt beurteilen kann.
Danach muss eine Entscheidung getroffen werden.
Gelegentlich liegt ein kritischer Ast vielleicht auch noch unten im Schlamm und ist gar nicht sichtbar.
Am Ende muss man Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen. Manchmal trifft man dabei auch die falsche Entscheidung. Die Konsequenzen gehören zum Geschäft.
Oliver Smart:
Damit sich unsere Zuhörerinnen und Zuhörer eine Vorstellung machen können: Über welche Preise sprechen wir? Kann ein einzelner Stamm 100'000 Franken kosten?
Tobias Scherg:
Das hängt sehr stark von der Holzart und Qualität ab.
Bei Eiche gibt es Unternehmen, die kleinere Durchmesser einkaufen und daraus Industriefurniere produzieren.
Wir versuchen dagegen, sehr hochwertige Stämme zu kaufen. Bei entsprechenden Eichenqualitäten können die Preise beispielsweise bei ungefähr 3'000 bis 6'000 Franken pro Kubikmeter beginnen.
Bei speziellen Stämmen wie Riegelahorn, Mooreiche, hochwertigem amerikanischem Nussbaum oder Wurzelmaserknollen sind die Preise nach oben weitgehend offen.
Wir haben beispielsweise schon 50'000 für einen grossen Mooreichenstamm geboten und trotzdem keinen Zuschlag erhalten.
Später erfährt man manchmal, wer den Stamm gekauft hat und wie er nach dem Aufschneiden aussah. Und gelegentlich ist man dann froh, dass man ihn nicht bekommen hat.
So funktioniert dieses Geschäft: Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man.
Oliver Smart:
Wie hat sich der Rundholzmarkt verändert? Du hast gesagt, dass heute sehr viel Eiche gefragt ist. Ist dadurch auch die Beschaffung hochwertiger Eichenstämme schwieriger geworden?
Tobias Scherg:
Ja, deutlich.
Auch die Fassholzindustrie konkurriert teilweise mit uns um die gleichen Stämme und kann hohe Preise bezahlen.
Für ein Weinfass benötigt man schliesslich keine drei Meter langen Stücke. Gleichzeitig braucht die Fassproduktion ebenfalls gerade gewachsenes, möglichst astfreies Holz, weil das Holz gespalten wird.
Auch aus traditionellen Regionen wie der Pfalz oder dem Spessart kommen heute teilweise wesentlich geringere Mengen hochwertiger Eiche auf den Markt.
Von der bekannten Spessarteiche werden beispielsweise nur noch relativ geringe Mengen angeboten.
Wir müssen deshalb deutlich mehr reisen und wesentlich mehr Aufwand betreiben, um gutes Holz zu finden.
Ich gehe davon aus, dass sich hochwertiges Holz auch in Zukunft weiter verknappen und entsprechend verteuern wird.
Auf der anderen Seite steigt damit hoffentlich auch die Wertschätzung für das Produkt.
Wir haben Projekte in den USA und Europa, bei denen sehr hohe Qualitäten verlangt werden. Dort sind die Auftraggeber aber auch bereit, einen entsprechenden Preis zu bezahlen.
Das halte ich für wichtig. Ein hochwertiger Baum ist vielleicht 150 Jahre oder noch älter gewachsen. Dieses Material verdient entsprechende Wertschätzung.
Oliver Smart:
Und gefällt wird er dann innerhalb weniger Stunden.
Tobias Scherg:
Genau. Dafür kann er anschliessend noch sehr lange in einem Gebäude weiterleben. Das ist etwas Schönes.
Oliver Smart:
Wenn ihr beispielsweise ein Projekt in den USA habt: Verschickt ihr das Rohfurnier direkt oder wird es vorher noch auf einen Holzwerkstoff aufgebracht?
Tobias Scherg:
Die Furniere kommen zunächst vom Furnierwerk zu uns.
Hier werden sie sortiert – vereinfacht gesagt ähnlich wie beim bereits erwähnten Beispiel mit dem Metzger: A-, B-, C- und D-Qualitäten.
Anschliessend digitalisieren wir das Material.
Seit ungefähr sieben Jahren besitzen wir einen Veneer Imager. Damit erfassen wir jedes Furnierpaket eines Stammes digital.
Wir hinterlegen beispielsweise die Stammnummer, den Einkaufsort, das Produktionswerk, die Kosten und weitere Informationen. Anschliessend wird jedes Furnierpaket fotografiert und klassifiziert.
Wenn sich danach ein Architekt aus New York meldet und sagt: «Wir planen eine grosse Anwaltskanzlei und benötigen zwei Stämme europäische Eiche mit mindestens 1'000 Quadratmetern pro Stamm und einer Länge von 3,80 Metern», können wir unsere Daten entsprechend filtern.
Wir schicken dem Architekten zunächst Bilder. Im besten Fall kommt er anschliessend persönlich zu uns und begutachtet die Stämme. Alternativ verschicken wir Muster.
Danach wird das Material spezifiziert und per Schiff oder in dringenden Fällen auch per Luftfracht verschickt.
Oliver Smart:
Das ist tatsächlich sehr international.
Du hast gleichzeitig gesagt, dass der Schweizer Markt wieder wichtiger geworden ist. Hat das unter anderem mit Produkten wie euren Furnier-Fixmassen zu tun, die die Verarbeitung für Schreiner vereinfachen?
Tobias Scherg:
Wir haben festgestellt, dass viele kleinere Schreinereien zwar noch eine Furnierpresse besitzen, die Maschinen für das Fügen der Furniere aber nicht mehr.
Der Aufwand ist für kleinere Unternehmen häufig zu gross.
Die Alternative waren fertig furnierte Platten. Das hat jedoch ebenfalls Nachteile: Man ist an bestimmte Platten gebunden, hat möglicherweise mehr Verschnitt und ist bei der Gestaltung eingeschränkt.
Deshalb haben wir uns gefragt, welches Produkt dazwischenliegen könnte.
Da wir gemeinsam mit Partnern einen Webshop betreiben, war die Frage: Wie können wir Furnier so vorbereiten, dass es webshopfähig wird, obwohl es ein Naturprodukt bleibt und trotzdem eine möglichst homogene Qualität aufweist?
Daraus ist unser Furnier Express entstanden.
Wir fügen die Furniere bereits für den Kunden, kaschieren sie mit Vlies, schleifen sie und halten sie bei uns am Lager bereit.
Wenn ein Kunde beispielsweise zehn Blätter Eiche bestellt, erhält er am nächsten Tag zehn qualitativ abgestimmte Blätter.
Wir können dabei für die Qualität einstehen und dem Kunden genau das liefern, was er benötigt.
Oliver Smart:
Welche Furniere bleiben eher in der Schweiz und welche werden exportiert? Werden beispielsweise eher günstigere Qualitäten exportiert?
Tobias Scherg:
Früher war es teilweise tatsächlich so, dass Qualitäten, die für die Schweiz oder Europa weniger gefragt waren, nach Indien oder China verkauft wurden.
Das hat sich verändert.
In diesen Ländern ist ein grosser Mittelstand entstanden und damit auch der Anspruch an hochwertige Innenausbauten.
Heute müssen dort teilweise mindestens genauso hohe Qualitätsanforderungen erfüllt werden wie bei Projekten in der Schweiz.
Natürlich gibt es auch industrielle Kunden, beispielsweise Möbelfabrikanten in Vietnam. Ein Teil der Produktion hat sich von China nach Vietnam verlagert, unter anderem wegen der niedrigeren Arbeitskosten.
Dort können beispielsweise kürzere Furnierpakete mit viel Handarbeit hervorragend verarbeitet werden.
Gleichzeitig liefern wir aber auch hochwertige ganze Stämme nach China für anspruchsvolle Hotelprojekte in Shanghai oder anderen Städten.
Es ist deshalb sehr gemischt und lässt sich nicht pauschal nach Qualität unterscheiden.
Oliver Smart:
Die Roser AG ist im Raum Basel tätig. Dort ist 2021 die Wohnschutzinitiative in Kraft getreten.
Spürt ihr Auswirkungen davon? Ist es dadurch schwieriger geworden, in Basel Projekte zu realisieren, sodass ihr stärker in andere Regionen oder ins Ausland ausweichen müsst?
Tobias Scherg:
Wenn überhaupt, betrifft das eher Kunden aus unseren Bereichen Parkett und Türen.
Im Furniergeschäft merken wir davon relativ wenig.
Wenn ein Schulhaus geplant wird, ein Pharmaunternehmen ein neues Gebäude baut oder eine Bank ein Projekt umsetzt, wird dieses Projekt unabhängig davon realisiert.
Oliver Smart:
Die Initiative spielt für Furnier also kaum eine Rolle?
Tobias Scherg:
Nein.
Daneben gibt es andere politische Entwicklungen, die wiederum Impulse auslösen können, beispielsweise rund um das Thema Eigenmietwert.
Im Furniergeschäft bewegen wir uns ohnehin häufig in sehr hochwertigen Projekten. Solche Projekte werden vielfach unabhängig von kurzfristigen Krisen oder Abstimmungen umgesetzt.
Oliver Smart:
Das Geschäft ist also relativ widerstandsfähig.
Wie stark seid ihr dabei dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt? Gerade Basel liegt sehr nahe an Deutschland und Frankreich.
Tobias Scherg:
Im Furnier ist das weniger entscheidend.
Ein besonderer Stamm ist einzigartig. Wenn man ihn besitzt, kann man ihn verkaufen. Wenn man ihn nicht besitzt, kann man ihn häufig auch nicht einfach beim nächsten Händler bestellen.
Wenn ein Mitbewerber in Deutschland, Italien oder Polen einen aussergewöhnlich guten Stamm hat, wird er diesen wahrscheinlich nicht an einen anderen Furnierhändler weiterverkaufen.
Er wartet auf das passende Projekt.
Ein solcher Stamm ist ein wenig wie eine gute Aktie oder ein guter Wein.
Oliver Smart:
Du hast Handelshemmnisse angesprochen. Aktuell ist die EUDR ein grosses Thema. Ihre konkrete Umsetzung ist teilweise noch unklar.
Was erwartest du?
Tobias Scherg:
Für uns ist das leider eine sehr schwierige Entwicklung.
Auch angekündigte Vereinfachungen der EUDR können für Schweizer Unternehmen problematisch sein.
Wir haben knapp eine Million Quadratmeter Furnier aus mehr als 100 Holzarten am Lager.
Darunter befinden sich teilweise echte Schätze, die bereits seit den 1960er-Jahren bei uns liegen.
Für solche alten Bestände existieren naturgemäss nicht dieselben Aufzeichnungen und Dokumente, die heute verlangt werden.
Genau daraus entsteht ein Problem.
Innerhalb der EU werden bestimmte Referenzinformationen entlang der Lieferkette anders behandelt. Ein Schreiner, Möbelhersteller oder Plattenbetrieb in Deutschland, der bei uns Material kauft und dieses erstmals in die EU einführt, trägt jedoch zusätzliche Verantwortung.
Viele Unternehmen sagen deshalb möglicherweise: «Das ist uns zu aufwendig.»
Diese Situation sehe ich auch für andere Schweizer Holzunternehmen kritisch, die Material in die EU exportieren.
Oliver Smart:
Wie geht ihr damit um? Was ist euer Gegenrezept?
Tobias Scherg:
Fokussieren auf den Rest der Welt und auf die Schweiz
Oliver Smart:
Bleibt für euch deshalb der Rest der Welt umso wichtiger? Beobachtest du die Entwicklung zwar skeptisch, ohne das internationale Geschäft grundsätzlich infrage zu stellen?
Tobias Scherg:
Ich hoffe weiterhin auf Vereinfachungen und vernünftige Regelungen.
Aus meiner Sicht entsteht sonst eine ungleiche Situation. Unternehmen innerhalb der EU haben einen Vorteil, während die Schweiz beim Handel mit der EU Nachteile erfährt.
Das halte ich für schwierig.
Wir setzen uns gemeinsam mit Organisationen wie Lignum dafür ein, Lösungen zu finden.
Gleichzeitig ist es für uns als Schweizer Unternehmen wichtig, einen starken Binnenmarkt zu haben und zusätzlich geeignete Partner ausserhalb der EU zu finden.
Wir hatten beispielsweise ein sehr grosses Projekt in Riad in Saudi-Arabien.
Allein im PIF Tower wurden mehrere zehntausend Quadratmeter Furnier eingesetzt. Die Kunden waren mit unserem Service sehr zufrieden und waren drei Tage bei uns zu Gast.
Diese persönliche Betreuung wurde sehr geschätzt – und solche Projekte machen natürlich Freude.
Oliver Smart:
Das bedeutet aber auch, dass eure Vorleistung enorm ist.
Tobias Scherg:
Ja, die Vorleistung ist gross.
Beim Zahlungsrisiko hat sich für uns allerdings einiges verändert. In vielen internationalen Märkten arbeiten wir heute ausschliesslich mit Vorauskasse.
Früher hat man sich aufgrund des stärkeren Wettbewerbs eher einmal dazu überreden lassen, Zahlungsziele anzubieten. Dadurch entstanden gelegentlich Forderungsausfälle.
Heute geht es darum, Kunden zu finden, die unsere Leistung schätzen, zuverlässig bezahlen und mit denen gegenseitige Wertschätzung besteht.
Oliver Smart:
Aus einer anderen Perspektive kann die Situation also auch Chancen in anderen Weltregionen schaffen, weil dort Kapazitäten und hochwertige Materialien verfügbar werden.
Tobias Scherg:
Ja.
Und wir besitzen mit unserer Swissness ebenfalls Vorteile. Diese Stärken müssen wir nach aussen tragen und selbstbewusst nutzen.
Oliver Smart:
In vielen Branchen ist der Fachkräftemangel ein grosses Thema.
Du beschreibst einen Beruf, bei dem man viel reist, Submissionen besucht und sehr viel Erfahrung benötigt.
Wie gelingt es, die nächste Generation für den Furnierhandel zu begeistern?
Tobias Scherg:
Furnier ist sexy.
Aber Nachwuchs zu finden, ist natürlich trotzdem nicht einfach – wahrscheinlich ähnlich wie in vielen anderen Branchen.
Das Problem ist, dass man am Anfang noch gar nicht erkennt, was alles hinter diesem Beruf steckt.
Man arbeitet vielleicht zunächst im Lager, bewegt Furnierpakete von links nach rechts und hat das Gefühl, alles sehe gleich aus. Dann fragt man sich möglicherweise: Warum mache ich das eigentlich?
Wenn man aber Geduld hat und sich wirklich dafür interessiert, kommen sehr schnell weitere Aspekte hinzu.
Plötzlich ist ein Kunde aus Portugal zu Besuch, mit dem man am Abend essen geht. Man erfährt etwas über ein anderes Land und lernt neue Menschen kennen.
Wenn man offen für Menschen und gleichzeitig für das Naturprodukt Holz ist, kann diese Kombination sehr spannend werden.
Irgendwann sagt man vielleicht: Jetzt besuchen wir unseren Partner in Portugal. Er hat hervorragenden Eukalyptus und kauft wiederum bei uns Eiche.
Daraus können tolle Beziehungen und Möglichkeiten entstehen.
Unsere Erfahrung ist deshalb: Wir müssen unseren Nachwuchs weitgehend selbst entwickeln.
Selbst wenn wir jemanden aus einem anderen Furnierunternehmen abwerben würden, arbeitet dieses Unternehmen möglicherweise völlig anders.
Jeder hat seine eigenen Abläufe und Philosophien.
Oliver Smart:
Das heisst, du gehst mit jungen Mitarbeitenden direkt ins Lager, zeigst ihnen das Holz und erkennst vielleicht dort bereits Potenzial, das du dann weiterentwickelst?
Tobias Scherg:
Genau.
Ich sage beispielsweise: «Am Sonntagabend fliegen wir nach Kroatien. Bist du dabei?»
Man muss natürlich Menschen finden, die darauf Lust haben und Reisen als Chance betrachten – und nicht nur überlegen, wie viele Arbeitsstunden sie dafür aufschreiben können.
Oliver Smart:
Wobei das Reisen wahrscheinlich am Anfang besonders spannend ist. Wenn man das viele Jahre macht und irgendwann eine Familie hat, kann es natürlich auch anstrengend werden.
Der Beruf verlangt einem einiges ab.
Tobias Scherg:
Ich habe eine sehr geduldige Frau, die selbst ebenfalls viel reist. Wir müssen uns deshalb gelegentlich tatsächlich die Klinke in die Hand geben.
Aber mittlerweile ist auch die Zeit gekommen, Verantwortung an die jüngere Generation weiterzugeben.
Man muss bereit sein zu sagen: «Die ersten fünf oder sechs Male machen wir das gemeinsam. Danach fährst du alleine. Dann triffst du die Entscheidung und gibst dabei auch eine beträchtliche Summe Unternehmensgeld aus.»
Anschliessend trägt die Person auch Verantwortung dafür, dass dieses Holz wieder sinnvoll verkauft wird und sich die Investition rechnet.
Genau dadurch entwickeln sich Menschen.
Wenn ich meine eigene Persönlichkeit vor 20 Jahren mit heute vergleiche, sehe ich eine enorme Entwicklung.
Und heute beobachte ich bei unseren jüngeren Mitarbeitenden dasselbe. Sie sind bereits einige Jahre dabei und entwickeln sich kontinuierlich weiter.
Das ist grossartig zu sehen.
Oliver Smart:
Das gehört wahrscheinlich zu den schönsten Dingen überhaupt: andere Menschen zu befähigen, ihnen Kompetenzen zu übertragen und zu beobachten, wie sie sich entwickeln.
Zum Abschluss darfst du der Holzbranche noch einen Wunsch mit auf den Weg geben. Was wünschst du ihr?
Tobias Scherg:
Holz ist ein grossartiger Werkstoff.
Lange stand er etwas im Schatten. Aktuell erlebt Holz aus meiner Sicht aber einen zweiten Frühling – beispielsweise im Holzbau oder durch Furnier in neuen technischen Anwendungen.
Mein Wunsch an die Holzbranche wäre deshalb ganz einfach:
Geht nach draussen und zeigt den Menschen, wie grossartig dieses Produkt ist.
Oliver Smart:
Das nehmen wir genauso mit.
Tobias, vielen herzlichen Dank für das Gespräch.
Und euch da draussen vielen Dank fürs Zuhören. Bis zur nächsten Folge von HOLZCHÖPF in einem Monat.
Ciao zusammen.
Tobias Scherg:
Vielen Dank euch. Ciao.
Ansagerin:
Dieser Podcast wurde präsentiert von der Holzplatten AG – Ihrer Partnerin für Holzwerkstoffe, Türen und Bodenbeläge.
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